Anlegen mit Wandelanleihen

29.09.2001


Von Roland Hotz

Erschienen in der Finanz und Wirtschaft

29. September 2001, Ausgabe: 76, Seite: 15, Rubrik: Kapitalanlagen



Wie Investoren in hektischen Börsenphasen ihre Nerven schonen Aktien und Obligationen können Wandler nicht ersetzen.


Der Börsenhimmel ist nach wie vor getrübt. So manchem Aktiensparer bereiten die dahingeschmolzenen Gewinne der letzten zwölf Monate einige Kopfschmerzen. Dagegen waren Investoren in Wandelanleihen oder Exchangeables - hier bezieht sich das Wandelrecht nicht auf die Aktien des Emittenten, sondern auf die Titel eines anderen Unternehmens - über die gleiche Periode weit geringeren Stresssituationen ausgesetzt.


Wer sich beispielsweise vor einem Jahr für den Kauf der viel gepriesenen Telekommunikationsaktien Vodafone zu 250 Pence entschieden hatte, liegt heute mit rund 40% im Minus. Vergleichsweise glimpflich kam dagegen der Käufer des Exchangeables 2 7/8% Hutchison Whampoa (wandelbar in Vodafone) mit Verfall 2003 davon, mit «nur» 4% Kursverlust. Wer sich im August 2000 für die Titel 1% Siemens (wandelbar in Infineon) mit Verfall 2005 bei der Emission zu pari entschied, muss sich heute «lediglich» mit einem Kursverlust von 9% gegenüber einem Kursrutsch von 80% der Infineon-Aktien in der gleichen Zeitspanne abfinden.


Kapitalschutzfunktion erfüllt


Auch breit abgestützte Aktieninvestoren haben im Vergleich mit gut diversifizierten Wandelanleihen-Fonds das Nachsehen. Während der Rückschlag der weltweit führenden Aktienindizes in den letzten zwölf Monate durchschnittlich 30% beträgt, können globale Convertibles bond funds immerhin mit Renditen von -6 bis -10% aufwarten.


Das könnte zur Annahme verleiten, Wandelanleihen böten nur Vorteile in schwächer tendierenden Märkten. Dem ist allerdings zu widersprechen. Jede Wandelanleihe besteht aus zwei Teilen, dem verzinslichen Obligationenteil und dem Aktienteil in Form einer eingebetteten Call-Option. Somit bestimmen auch beide Risiko-Ertrags-Charaktere den Kursverlauf der Wandelanleihe mit.


Der Unterschied liegt im Ausmass der Beteiligung. Entscheidend für die Partizipation im Falle eines steigenden Aktienkurs ist das Delta der Call-Option. Diese Kennzahl gibt an, wie die Option auf eine Kursveränderung des Basiswerts reagiert. Je kleiner die Wandelprämie - der Aufschlag, der bei einer sofortigen Wandlung gegenüber dem Kassamarkt bezahlt werden müsste - ist, desto enger partizipiert die Wandelanleihe mit dem Aktienverlauf, bis hin zu einer Korrelation von 1:1 bei einer klar im Geld liegenden Option. Je mehr die Option der Wandelanleihe aus dem Geld ist, desto schwächer ist das Ausmass dieser Beteiligung.


Sinkt jedoch der Kurs der Aktien, rücken dafür die Bondcharaktere wie Schuldnerqualität (Bonität) und Zinssatz sowie Rendite in den Vordergrund. Diese sind es dann auch, die die Abwärtsbewegung der Wandelobligation abbremsen und das Papier im Sinne einer Kapitalschutzfunktion auf dem so genannten Bond floor stabilisieren. Der Bond floor ist der Kurs, auf dem die Wandelanleihe die gleiche Rendite abwirft wie eine vergleichbare festverzinsliche Anleihe des gleichen Schuldners.


Und genau diese positive Eigenschaft der Kapitalschutzfunktion haben die Wandelanleihen in jüngster Zeit wieder ausgespielt. Die wahren Stärken dieser Anlageform liegen also im vorteilhaften Risiko-Ertrags-Profil.


Auf den ersten Blick ist man versucht anzunehmen, dass die gleiche Wirkung auch mit einem entsprechenden Portefeuille aus Aktien und Obligationen erreicht werden könnte. Verschiedene Studien, z.B. diejenige von Prof. Heinz Zimmermann von der Universität St. Gallen (HSG) sowie die Langzeitstudie von Ibbotson belegen aber, dass die erwähnten positiven Eigenschaften von Wandelanleihen nicht replizierbar, d.h. nicht mit einer Mischung aus anderen Anlageinstrumenten nachbildbar sind (vgl. Textkasten).


Eine professionelle Titelauswahl kann die Aktiensensitivität eines Portefeuilles so steuern, dass es der individuellen Risikobereitschaft der Anleger entspricht. Die Einhaltung des angestrebten Risiko-Rendite-Verhältnisses erfordert jedoch eine kontinuierliche Überwachung des Portefeuilles und die ständige Anpassung an die aktuelle Marktsituation. Ein solch aktives Management von Wandelanleihen erfordert das entsprechende Know-how und beansprucht einen zeitlichen und technischen Aufwand, der nicht unterschätzt werden darf.


Für Pensionskassen geeignet


Daher bietet sich der Einsatz von Wandelanleihen-Fonds an, die professionell verwaltet werden. Private wie auch institutionelle Anleger können heute unter einer Anzahl spezialisierter Fondsmanager für Wandelanleihen auswählen, die ihre Produkte mit verschieden ausgerichteten Anlageprofilen anbieten.


Für Pensionskassen existieren Fonds, die sich an den spezifischen Bedürfnissen der Vorsorgeeinrichtungen ausrichten, indem die Anlagestrategien den strengen gesetzlichen Richtlinien der beruflichen Vorsorge entsprechen und durch eine externe Kontrollstelle ständig überwacht werden. Wer als Pensionskassenmanager oder als Privatanleger in dieser turbulenten Zeit einen ruhigeren Schlaf bevorzugt, ohne dabei in der nächsten Hausse der Aktienmärkte - die bestimmt kommt, die Frage ist nur wann - auf Kursgewinne verzichten zu wollen, sollte dieses Anlageinstrument mit hybridem «Motor» genauer unter die Lupe nehmen.


Studien zu Wandelanleihen


Der Replikationsstudie von Prof. Heinz Zimmermann liegen zwei Bewertungsmodelle zu Grunde: Als erstes wird ein Baustein-Modell verwendet, mit dem die Wandelanleihe in einen Optionsteil und einen Bondteil aufgegliedert wird. Die Option wird dabei mit der Standardmethode aus der Optionstheorie repliziert. Als zweiter Ansatz wird ein monolithisches Modell verwendet, in dem Bond- und Optionsteil gleichzeitig bewertet werden. An Beispielen wird gezeigt, welche Risiken zu signifikanten Replikationsfehlern führen.

Ibbotson Associates vergleicht in einer Langzeitstudie , die die Jahre 1973 bis 2000 umfasst, die Rendite-Volatilitäts-Verhältnisse zwischen Wandelanleihen, Aktien und Unternehmensanleihen in den USA.

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