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Jetzt Aktienquote herunterfahren

21.07.2003

Von Fritz Pfiffner

Veröffentlicht in der «NZZ am Sonntag»

20/07/2003, Ausgabe: Nr. 29, Seite: 36, Rubrik: Invest


Trend zu rein computergestütztem Anlagestil. Egon Tschol managt einen Hedge-Fund mittels Chart-Technik.

Er machte schon als Knabe nicht, was andere Buben taten. 'Mit zehn habe ich mit Fliegenfischen begonnen und war in allen Kursen der Jüngste', sagt Egon Tschol, Geschäftsführer der Realtime Advise GmbH, Männedorf. Auch im Assetmanagement gehört Tschol zu einer eher seltenen Gattung. Der 34-jährige Betriebsökonom hat sich erst autodidaktisch und dann in Kursen zum Charttechniker DITA ausgebildet. Davon gebe es weltweit erst rund 50, meint Tschol.

Chartisten werden in der Branche oft belächelt und vom breiten Anlegerpublikum schon gar nicht verstanden. Denn sie schöpfen ihre Aktien-Prognosen aus den Kurvenverläufen. Sie analysieren Zyklen, Trends, Volumen, reden von Momentum, Volatilität, Widerstandslinien, Advance-Decline-Linien, von Moving Average, von Back-Testing, von Schulter-Kopf-Formationen, von Flag-Formationen usw.

Wichtige Rolle

Und doch spielen die Kurventechniker im Markt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie finden jedenfalls bewusst oder unbewusst Gehör. So wird in jedem Börsenbericht dick herausgestrichen, wenn beispielsweise der Schweizer Blue-Chips-Index SMI die Widerstandsgrenze von 5000 Punkten nach unten durchbricht oder - wie gegenwärtig zu beobachten - es nicht mehr schafft, diese Hürde zu nehmen.

 

Der bekannteste Vertreter der Markttechniker ist Ralph Acampora von Prudential Securities. Er wurde zum Börsenstar, als er 1995 allein auf weiter Flur prognostizierte, der Dow Jones Industrial werde innert drei Jahren von damals 4500 Punkten auf 7000 Punkte klettern. Der Blue-Chips-Index überschritt diesen Wert bereits im Februar 1997. Auch mit seinen Prognosen «Dow 8250» und «Dow 10 000» traf Acampora ins Schwarze. Doch dann gab der Kurvenkünstler so viel Gas, dass er als Prognostiker aus der Kurve flog und sich seither nicht mehr richtig erholt hat. Acampora orakelte, der Dow werde 2011 auf 22354,67 Punkten (gegenwärtig 9188,15) notieren.

 

'Wir sind es gewohnt, gegen den Strom zu schwimmen', meint Tschol. Es sei auch für Markttechniker schwierig bis unmöglich, Prognosen auf Zeit und Punkt zu machen, doch über die mittelfristige (6 bis 9 Monate) Börsenlage könne man schon etwas sagen. Er sehe keinen Silberstreifen am Horizont, keine Morgendämmerung aufziehen, er müsse eher von Abenddämmerung sprechen. 'Jetzt ist es Zeit, die Aktienquote herunterzufahren', ist der Chartist überzeugt. Doch es sei schwer, die Kunden nach dem scharfen Rally davon zu überzeugen.

 

Doch Tschol, der etliche Stationen im Handel durchlaufen hat, ist eben nicht nur Berater, sondern managt seit wenigen Wochen selber einen Fonds, den KIMA Long/Short Equity Fund (Valor 1522172). Hinter dem ersten von der Bankenkommission zugelassenen Single-Manager-Hedge-Fund stehen Fisch Asset Management als Berater und die Liechtensteinische Landesbank als Depotbank.

 

Der Hedge-Fund ist erst zu rund 40 Prozent investiert. Gegenwärtig nehmen die Short-Positionen (die Kurven zeigen, dass die Aktie fallen wird, also leer verkauft werden muss) überhand. Das völlig systematisierte Handelsprogramm basiere auf dem markttechnischen Ansatz. 'Wir glauben, mit einer Trefferquote von rund 60 Prozent mittelfristige Auf- und Abwärtstrends frühzeitig zu erkennen', ist Tschol überzeugt. Mit Setzen und Nachziehen von Stop-Loss-Limiten und einem mehrstufigen Risikomanagement hebe man sich von anderen nicht-traditionellen Anlagen ab. Die ersten Performance-Zahlen seien ermutigend. Mit dem KIMA strebt Tschol längerfristig eine Rendite von 12% im Schnitt an, grössere Ausschläge inbegriffen.

 

Ist er einmal programmiert, entscheidet beim KIMA-Fonds die Maschine über Erfolg und Misserfolg. 'Emotionen spielen keine Rolle, wir arbeiten absolut diszipliniert', sagt Tschol, der mit drei Kollegen in der Nähe des Paradeplatzes arbeitet und derzeit ohne Klimaanlage schwitzt.

Computermodelle

Tschols Produkt ist symptomatisch für einen neuen Trend im Fondsmanagement. Man versucht vermehrt, mit quantitativen Modellen den Markt zu schlagen. Denn das indexorientierte Fondsmanagement ist in den letzten Jahren in Misskredit geraten. Wenn der Index taucht, fällt auch der Depotwert, sofern nicht Vermögensverwalter oder Anleger selber rechtzeitig Index-Produkte verkaufen. In der Baisse konnten darum die aktiven Fondsmanager, die auf unterbewertete Aktien (Value-Ansatz)setzten, ein Comeback feiern. Doch die über Jahre erfolgreichen Investoren, die Warren Buffetts und Peter Lynchs (erfolgreichster Manager der US-Fondsgesellschaft Fidelity) sind dünn gesät.

 

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass zunehmend Anlagefonds auf den Markt drängen, die auf die Macht der Zahlenreihen setzen. Die quantitative Analyse ist jedoch ein unscharfer Begriff für einen Anlagestil, der sich auf mehr oder weniger komplexe mathematische Modelle und statistische Analysen stützt. Vereinfacht gesagt, müsse man sich das so vorstellen, dass man den Zahlensalat in eine Maschine stecke und am anderen Ende eine Empfehlung herauskomme, kommentiert die «Frankfurter Allgemeine».

Doch risikolos sind «Maschinen»-Fonds keineswegs. Statt des Index- oder Manager-Risikos hat man ein nicht unbeträchtliches Modell-Risiko. 'Die Systemprogrammierung ist arbiträr', gesteht Tschol.

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