Keine Angst vorm Wetterwechsel
15.08.2004
Von Ingrid Müller
Veröffentlicht in der «Wertpapier»
15/08/2004, Ausgabe: Nr. 15, Seite: 44 - 45
Schlagen an der Börse die Wellen höher, holen sich Aktionäre oft nasse Füsse. Wandelanleihebesitzer sind zwar mit von der Partie in der Hausse, doch in der Baisse bleiben sie auf Kurs.
RWE tut es, Continental, Linde, aber auch die Deutsche Post. All diese Unternehmen besorgen sich einen Kredit, den sie später mit eigenen Aktien oder Anteilen ihrer Töchter begleichen. Was für die Unternehmen Sinn macht, ist auch für Anleger eine interessante Option. Grund: Viele Investoren können sich derzeit nur schwer zwischen Anleihen und Aktien entscheiden. Bei Renten lasten steigende Zinsen bleischwer auf den Kursen, Aktien steht ein unsicheres zweites Halbjahr ins Haus. Mit Wandelanleihen befreit sich der Anleger vom Entscheidungszwang. Er erwirbt eine Anleihe mit begrenzter Laufzeit. Steigt die Börse, kann er das Papier in dieser Frist gegen Aktien des Unternehmens eintauschen. Geht es mit Aktien bergab, behält er den Bond. So entsteht das typische Kursmuster einer Wandelanleihe: Einem Anstieg der Aktie folgt sie im Schnitt zu zwei Dritteln, einem Kursrutsch zu einem Drittel. Der Mechanismus: Der Wert des Papiers lässt sich gedanklich in zwei Teile zerlegen. 'Zunächst besitzt der Anleger eine normale Anleihe', erläutert Sven Pfeil, dessen Fonds Nordcumula seit Jahren auf den vorderen Plätzen rangiert. 'Der Wert dieses Rentenpapieres ist nach unten abgesichert, denn am Laufzeitende kann der Anleger den Bond zum Ausgabepreis zurückgeben.' Folge: Rauscht der Aktienkurs in den Keller, koppelt sich der Wandler zunehmend von Kursverlusten ab.
Der zweite Wertbestandteil ist die Option auf die Aktie. 'Steigt das einzutauschende Papier, gewinnt das Tauschrecht an Bedeutung', so Pfeil. Zum Anleihewert addiert sich der Wert der Option. Die Wirkung: Die behäbige Anleihe kommt in Fahrt und klettert dynamisch nach oben.
Die Chance auf rasante Wertzuwächse bezahlt der Anleger mit niedrigen Koupons, die meist auf 1 bis 2 Prozent lauten. 'Wer Wandelanleihen kauft, setzt auf steigende Aktienkurse', so Holger Wehner von der WestAM, deren Compass-Fonds ebenfalls zu den besten gehört. Interessant sind somit Unternehmen, deren Aktie über Kurspotenzial verfügt und deren Anleihe zugleich durch ein gutes Bonitäts-Rating nach unten abgesichert ist.
Wann sich der Aktientausch lohnt, hängt von der Wandelprämie ab. Das ist die Differenz zwischen dem Börsenpreis der Aktie und dem indirekt über die Anleihe verausgabten Preis. So zahlt der Käufer einer Umtauschanleihe der Deutschen Post, die zum Bezug von 1271 Postbank-Aktien berechtigt, für die Dividendentitel schon heute jeweils 40 Euro (siehe Kasten). Die Aktie muss also erst um 35 Prozent zulegen, damit der Tausch sich lohnt.
Tatsächlich eingelöst werden jedoch die wenigsten Papiere. Grund: Die Anleihe notiert meist über dem Betrag, den ein Aktientausch einbringen würde. Denn die eingebaute Tauschoption nimmt weitere Anstiege der Aktie vorweg. Erst zum Laufzeitende nähert sich der Anleihekurs dem Umtauschwert an. Wie stark die Aktie steigen muss, damit die Anleihe einen bestimmten Sprung macht, muss täglich neu berechnet werden. Grund: Die Sensitivität des Wandlers ändert sich je nach aktueller Lage des Marktes. Die Ergebnisse dieser Analyse sind für private Anleger indes nur mit grösserem Aufwand zu beschaffen. Hohe Anteilspreise und oft komplizierte Produktklauseln sind weitere Stolpersteine. Fonds sind daher klar die bessere Alternative. Wer trotzdem einsteigt, sollte bedenken: Mit dem Anleihekurs steigt die Rückschlagsgefahr. 'Notiert die Anleihe 30 bis 40 Prozent über pari, sollten risikobewusste Anleger verkaufen', hat Claude Jeanneret vom Schweizer Wandlerspezialisten Fisch Asset Management eine Faustformel parat.
Im Anlagecheck: Die Umtauschanleihe der Deutschen Post
1.Das Chancen-Risiko-ProfilKäufer der Postanleihe können das Papier bis Juli 2007 in Postbank-Aktien tauschen. Die Wertentwicklung der Anleihe hängt damit vom Schicksal der Bankaktie ab. Das Geldhaus verfügt durchaus über Kurspotenzial. Das Betriebsergebnis dürfte bis 2006 jährlich um über 20 Prozent zulegen. Das Verlustrisiko ist abhängig von der Bonität des Emittenten. Da die Deutsche Post von S&P; ein solides 'A'-Rating erhielt, dürfte die Anleihe nicht unter 98 Prozent des Nennwertes sinken. 2.Die WandelprämieDie Prämie zeigt, wie stark die Aktie steigen muss, damit der Tausch sich rechnet. Eine Anleihe berechtigt zum Bezug von 1271,29 Postbank Aktien. Da die Anleihe aktuell bei 51225 Euro notiert, zahlt der Anleger heute rund 40 Euro je Aktie. Damit der Tausch lohnt, muss die Aktie also 36 Prozent zulegen. Bis 2007 wäre das ein jährliches Plus von 11 Prozent. Neben der Gewinnschwelle zeigt die Prämienhöhe den besten Einstiegszeitpunkt. Derzeit reagiert die Post-Anleihe nur träge auf steigende Aktienkurse. Erst wenn die Aktie kräftig zulegt und die Wandelprämie schmilzt, kommt die Anleihe in Fahrt. 'Sinkt in naher Zukunft die Wandelprämie auf 20 bis 25 Prozent, ist der Einstiegszeitpunkt optimal', nennt Claude Jeanneret vom Wandler-Spezialisten Fisch Asset Management eine Faustregel. 'Dann bessert sich die Relation zwischen Aufwärtspartizipation und Kapitalschutz.' Erst dann sollten Anleger die Postanleihe kaufen. 3.Die RenditeMeist notieren Wandler über dem Wert, den ein Aktientausch brächte. Grund: Die eingebaute Tauschoption ist noch nicht 'ausgereift' und nimmt weitere Kursgewinne vorweg. 'Wenn die Aktie in den nächsten zwei Jahren vor dem Laufzeitende die 40-Euro-Marke überspringt, dürfte die Anleihe über 115 Prozent notieren', nennt Jeanneret einen groben Richtwert. Anleger kassieren dann Kursgewinn und Kupon. |