Nahostkrise verstärkt Rohstoff-Superzyklus – Schwellenländeranleihen profitieren


von


Thomas Fischli Rutz,
Member Portfolio Management Board

T +41 44 284 24 20

Die jüngste Eskalation im Nahen Osten hat die Verwundbarkeit der globalen Energieversorgung erneut sichtbar gemacht. Für die Finanzmärkte ist der Konflikt jedoch mehr als nur ein kurzfristiger Ölpreisschock. Er bestätigt einen strukturellen Trend: Rohstoffe gewinnen weltweit wieder an strategischer Bedeutung. Unserer Meinung nach verstärkt die geopolitische Neuordnung einen Rohstoff-Superzyklus, der sich über Jahre erstrecken könnte.

Geopolitische Spannungen und der Ausbau Künstlicher Intelligenz bestimmen derzeit nicht nur die Aktienmärkte, sie markieren auch den Beginn eines Rohstoff-Superzyklus. Drei sicherheitspolitische Dimensionen wirken als dessen langfristige Treiber: Energie-, Ernährungs- und Verteidigungssicherheit. Besonders Rohstoff-Produzenten in Schwellenländern profitieren davon, da sie Förderkapazitäten ausbauen und zusätzlichen Finanzierungsbedarf haben. Entsprechend groß ist daher das Interesse von Anlegern an den Anleihen dieser Unternehmen.

Die Haupttreiber der Rohstoffnachfrage
Die weltweite KI-Infrastruktur wird massiv ausgebaut und sorgt unter anderem für einen deutlich erhöhten Strombedarf. So könnte sich in den USA der Energieverbrauch von Rechenzentren bis 2035 gegenüber 2024 verdreifachen. Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten verdeutlichen das Dilemma. Ein erheblicher Teil der globalen Ölversorgung ist geografisch konzentriert, insbesondere rund um den Persischen Golf. Bereits kleinere Störungen können deshalb erhebliche Preisbewegungen auslösen.

Es steigt aber nicht nur der Bedarf an fossilen Energieträgern, sondern auch an erneuerbaren Energien und Industriemetallen. China investiert massiv in Solar-, Wind- und Wasserkraft, um den ökologischen Folgen des Klimawandels zu begegnen und die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu stärken. Ziel ist es, bis 2035 so viele strategisch wichtige Güter wie möglich im eigenen Land zu produzieren. Batteriespeicher und Netzinfrastruktur verstärken die Nachfrage nach Kupfer, Kobalt und Seltenen Erden zusätzlich.

Auch der Verteidigungssektor treibt den Rohstoffbedarf. Moderne Waffensysteme benötigen Seltene Erden und Metalle wie Kobalt oder Rhodium. Der Ausbau von Seestreitkräften durch China und die USA verstärkt diesen Trend. Edelmetalle gewinnen ebenfalls an Bedeutung: Viele Staaten, insbesondere in den BRICS, stocken Goldreserven auf, um sich gegen geopolitische Risiken und eine mögliche Abwertung des US-Dollars abzusichern.

Nahrungsmittel als unterschätzte Ressource
Ein weiterer zentraler Faktor im aktuellen Rohstoff-Superzyklus ist die Ernährungssicherheit. China misst ihr strategische Bedeutung bei, doch global ist die Nachfrage nach Lebensmitteln höher als das Angebot: Laut UN-Welternährungsprogramm sind rund 600 Millionen Menschen unterversorgt, während die Preise für Lebensmittel seit 2020 deutlich schneller steigen als die allgemeinen Verbraucherpreise. Schwellenländer wie Brasilien, Argentinien und andere Hauptexporteure werden dadurch stärker in den globalen Agrarmarkt eingebunden, was den Investitions- und Finanzierungsbedarf steigert.

Minen können den Bedarf nicht decken
Auch bei den Industriemetallen entstehen Angebotslücken. Niedrige Preise in der Vergangenheit bremsten Investitionen in neue Minen, denn die Erschließung neuer Förderstätten ist zeit- und kapitalintensiv. Kupfer illustriert diesen Trend: Zwar gab es zeitweise Überschüsse, doch der Verbrauch im Zusammenhang mit dem Ausbau der Energieinfrastruktur und von Rechenzentren übersteigt künftig die Förderung. Analysten von Goldman Sachs und J.P. Morgan rechnen ab 2027 mit deutlichen Defiziten. Auch die Versorgung mit Seltenen Erden bleibt knapp, während die Nachfrage weiter steigt. China spielt hier eine Schlüsselrolle bei Förderung und Verarbeitung.

Die Kapitalmärkte reagieren bereits: Neben klassischen Bergbauunternehmen profitieren sogenannte „Enabler“ der Transformation – Anbieter von Strominfrastruktur, Batterie- und Speichertechnologien oder Netzoptimierung. Unternehmen, die in Effizienz und Kapazitätsausbau investieren, verbessern ihre Wettbewerbsposition nachhaltig.

Anleger profitieren vom enormen Investitionsbedarf
Eines der interessantesten Assets im Zusammenhang mit dem Superzyklus sind die Anleihen von Schwellenländerunternehmen. Rohstoffexportierende Staaten profitieren von höheren Preisen, was Handelsbilanzen und Kreditkennzahlen stärkt. Ein schwächerer US-Dollar und potenziell sinkende Zinsen, etwa in Brasilien, unterstützen EM-Corporates zusätzlich. Und der Kapitalbedarf bleibt hoch: Infrastruktur, Minen und Agrarproduktion erfordern kontinuierliche Finanzierung. Trotz starker Cashflows nutzen viele Unternehmen den Kapitalmarkt, um ihre Investitionsspielräume zu erweitern. Hohe Renditen und günstige Bewertungen erhöhen die Attraktivität.

Regionale Chancen bestehen insbesondere in Lateinamerika, Asien und Teilen Afrikas. Chile und Indonesien profitieren als Metall- und Kupferexporteure, Brasilien und Argentinien im Agrarsektor. China verfolgt eine strategische Vorratspolitik bei Seltenen Erden, um die industrielle Basis abzusichern.

Diversifizierung über Branchen und Regionen hinweg
Investoren sollten die gesamte Wertschöpfungskette im Blick behalten – von Rohstoffgewinnung über Verarbeitung und Infrastruktur bis zu technologischen Anwendungen – und zugleich über Branchen und Regionen diversifizieren. Der Rohstoff-Superzyklus kombiniert strukturelle Nachfrage, geopolitische Neuausrichtung und hohen Investitionsbedarf. Alles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung noch mehrere Jahre anhalten wird.

 

Thomas Fischli Rutz,
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