Der Iran-Konflikt wird politisch als Eskalation wahrgenommen – an den Finanzmärkten ist er vor allem ein Energie-, Inflations- und Zinsereignis. Entscheidend ist die Strasse von Hormus: Ein beträchtlicher Teil des globalen Ölflusses sowie relevante LNG-Mengen laufen durch dieses Nadelöhr. Bleibt der Seeweg länger gestört, droht nicht nur ein Ölpreisschub, sondern auch ein Gas- bzw. LNG-Schock. Gerade letzteres ist in Europa oft der sensiblere Treiber für Inflationserwartungen und langfristige Renditen.
Die militärischen Entwicklungen deuten derzeit allerdings eher auf eine begrenzte Eskalation hin. Die USA und Israel hatten ihre Angriffe offenbar über Monate vorbereitet und zahlreiche militärische Ziele sowie Raketenabschussbasen gezielt ausgeschaltet. Dadurch dürfte die kurzfristige Eskalationsfähigkeit Irans deutlich eingeschränkt sein. Gleichzeitig reagieren China und Russland bislang vor allem mit rhetorischer Kritik, ohne konkrete Gegenmassnahmen. Es kam beispielsweise keine UN-Resolution im Sicherheitsrat zustande und Waffenlieferungen an den Iran scheinen ebenfalls ausgeschlossen. Auch dies spricht gegen eine unmittelbare Ausweitung des Konflikts.
Für Investoren ist deshalb weniger die Frage „Risk off oder Risk on?“ zentral, sondern: Entsteht ein Zweitrundeneffekt, der die Notenbanken zu einer länger anhaltenden restriktiven Politik zwingt? In den ersten Handelstagen seit Kriegsbeginn sehen wir bei Unternehmensanleihen zwar einen Anstieg der Risikoprämien, aber (noch) keine systemische Kreditpanik. Das passt zu einem Muster, das häufig gilt: Geopolitik erzeugt Volatilität – nachhaltiger Druck auf Zinsen und Spreads entsteht jedoch über Inflation und Liquidität.
Ein unterschätzter Stabilitätsfaktor ist ausgerechnet China. Peking ist nicht nur politischer Akteur, sondern vor allem ein grosser Energieimporteur und dominanter Abnehmer iranischer Seelieferungen. Damit verfügt China über einen wirtschaftlichen Hebel, ohne militärisch eskalieren zu müssen. Das Eigeninteresse an offenen Handelsrouten spricht dafür, dass hinter den Kulissen Druck entsteht, eine längerfristige Blockade der Strasse von Hormus zu verhindern.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Reaktion des Ölmarktes. Der bisher moderate Preisanstieg in Richtung 85 US-Dollar pro Fass deutet darauf hin, dass Investoren derzeit eher von einer zeitlich begrenzten Störung der Transportwege ausgehen. Weltweit vorhandene strategische Erdölreserven wirken zusätzlich stabilisierend. Sollte sich eine Wiedereröffnung der Transportwege jedoch verzögern, wären temporäre Ausschläge in Richtung 100 US-Dollar pro Fass nicht auszuschliessen.
Das Inflationsthema dürfte unabhängig vom Iran-Konflikt ein wesentlicher Risikofaktor bleiben, der strukturell und global wirkt. Insbesondere in den USA ist derzeit ein deutlicher Anstieg der Produzentenpreise sowie der Kerninflation zu beobachten. Ein länger anhaltender Anstieg der Öl- und Gaspreise infolge der Krise würde den bereits vorhandenen Aufwärtsdruck zusätzlich verstärken – mit entsprechenden Konsequenzen für Zinsen und Konjunktur.
Was Anleger jetzt beobachten sollten, sind die Kriegsrisikoprämien in der Schiffsversicherung, die Entwicklung der LNG-Flüsse sowie Kredit-Frühindikatoren wie der iTraxx. Stabilisieren sich diese Signale, bleibt das Basisszenario intakt: höhere Schwankungen, aber keine dauerhafte Marktverwerfung.
